Ich mach mir #MeinNetz widdewidde wie es mir gefällt!
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Sich dem Hass entgegenstellen.

Brigitte Theißl ist selbständige Journalistin, Erwachsenbildnerin und Bloggerin. Und bekommt seit vielen Jahren Hass im Netz ganz persönlich zu spüren. Für uns hat sie sich zu diesem Phänomen, besonders aus der Perspektive von Hass gegen Frauen* und Feminist*innen, Gedanken gemacht.

von Brigitte Theißl

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Wütende Kommentare, Beleidigungen und sogar Drohungen begleiten mich als Bloggerin seit nun fast sieben Jahren: Ende 2009 startete ich die „Denkwerkstatt“ (www.denkwerkstattblog.net), ein privater Blog, auf dem ich mich mit den Inhalten meines Gender-Studies-Studiums und später mit einer breiten Themenpalette aus feministischer und medienkritischer Perspektive auseinandersetzte.  Was bedeutet eigentlich dieser sperrige Begriff „heteronormativ“ und welche Bilder von Geschlecht und Sexualität werden in den Reality-TV-Formaten auf ATV vermittelt, fragte ich da zum Beispiel.  Mit dem Pseudonym „Denkwerkstatt“ trat ich auch auf Twitter und Facebook auf – anfangs noch anonym. Meinen Klarnamen recherchierte ein User dennoch ohne Probleme und schickte mir mithilfe eines Anonymisierungs-Tools eine E-Mail an meine private Adresse. Darin zu lesen war eine ausführliche und explizite Beschreibung davon, wie eine Frau brutal vergewaltigt und zu Tode gefoltert wird. Die Justiz stuft eine solche Handlung nicht als Drohung ein, weil sie keine Androhung einer konkreten Tat gegen meine Person darstellt – selbst eine explizite Drohung per E-Mail wurde bereits von der Wiener Staatsanwaltschaft nicht als solche eingestuft, weil sie „nur“ per E-Mail übermittelt wurde (siehe: http://derstandard.at/2000015170520/Morddrohung-via-E-Mail-gilt-nicht-als-Morddrohung).

Den Hass dokumentieren

Für Verunsicherung sorgte die Mail bei mir dennoch. Auch wenn ich die hasserfüllten, gewaltverherrlichenden Inhalte der folgenden Nachrichten dieser Art gar nicht mehr las – das Wissen darum, dass mich jemand „beobachtete“ und mir frauenverachtende Gewaltphantasien schickte, fühlte sich bedrohlich an. Von befreundeten feministischen Blogger*innen erfuhr ich, dass sie Ähnliches erlebten – oder noch viel Schlimmeres: Wer (queer-)feministisch im Netz aktiv ist, muss sich früher oder später zwangsläufig mit diesem Thema auseinandersetzen. In Deutschland starteten Netzaktivist*innen daher innovative Projekte wie hatr.org (2011), wo Hasskommentare, die auf feministischen und antirassistischen Blogs eintrafen, veröffentlicht wurden und über Werbeeinschaltungen wiederum Geld für weitere Projekte gesammelt wurde. „Hatr.org dokumentiert den Hass, dem Netzaktivist_innen ausgesetzt sind“, ist auf der Website zu lesen. Auch auf Veranstaltungen wie queer-feministischen Barcamps wurden der Hass im Netz und Strategien für solidarisches Handeln diskutiert. Die Solidarität anderer Netzaktivist*innen war es letztendlich, die mich selbst zum Weitermachen motivierte, auch wenn ich in anderen Kontexten – etwa, wenn ich versuchte, bei Veranstaltungen auf das Thema aufmerksam zu machen – oft mit Sätzen wie „Wer im Netz aktiv ist, muss sich eben eine dicke Haut zulegen“ konfrontiert wurde.

Silencing

In meinem (feministischen) Umfeld traf ich jedoch immer wieder auf Frauen*, die sich aufgrund solcher Erfahrungen im Netz zurückzogen oder erst gar nicht einen Blog starteten oder sich einen Twitter-Acount zulegten. „Silencing“ nennt man solche Strategien, mit denen bestimmte Personen zum Schweigen gebracht werden. Die Botschaft lautet: Wenn du sichtbar wirst, hast du mit Konsequenzen zu rechnen. Frauen* allgemein und Feminist*innen im Besonderen, People of Color und LGBTI-Personen sind besonders häufig von verschiedenen Formen verletzender Sprache im Netz betroffen. Das ist kein Zufall: Sexismus und Rassismus sind strukturelle Probleme, die nicht im Internet „entstehen“, sondern dort besonders deutlich sichtbar werden: in sozialen Netzwerken, in den Kommentarspalten und manchmal auch in den redaktionellen Inhalten kommerzieller wie alternativer Medien. In Österreich wurden vielen Menschen für das Problem des Hasses und der Hetze im Netz im Zuge der Debatte um Flüchtlingspolitik sensibilisiert: Gewaltphantasien und Drohungen, die sich gegen Schutzsuchende, gegen einzelne Politiker*innen und Migrant*innen insgesamt richteten, häufen sich auf Plattformen wie Facebook – die bisher kaum Schritte dagegen unternehmen. Das einfache Prinzip, Menschen bzw. bestimmte Personengruppen nicht absichtlich mit abwertenden und verletzenden Begriffen zu bezeichnen, wurde indes – nicht nur – in rechten Kreisen zum „Political Correctness Terror“ erklärt.

Grundlagenarbeit

Eine breite gesellschaftliche Debatte über diese gewaltige Herausforderung für demokratische Gesellschaften ist dementsprechend äußerst begrüßenswert. Nur darf nicht darauf vergessen werden, dass es nicht reicht, Foren strenger zu moderieren oder Hasskommentare auf Facebook zu unterbinden: Sexismus, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Hass auf Lesben, Schwule, Transpersonen und intersexuelle Menschen, die Abwertung von Menschen mit Behinderung oder Armutsbetroffenen sind fest in der Gesellschaft verankert und lassen sich nicht löschen. Es braucht also dringend grundlegende politische Arbeit bzw. Bildungsarbeit – wie beispielsweise von der Bundesjugendvertretung – um Solidarität, Empathie, Respekt und Gleichberechtigung der Flut an Hass entgegenzustellen, die aktuell nicht nur im Netz über uns hereinbricht.  

Brigitte Theißl ist selbständige Journalistin, Erwachsenbildnerin und Bloggerin.

Tags:Brigitte Theißl, Hass im Netz, Sexismus

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